Literaturwerkstatt
2013
Literaturwerkstatt 2014
Literaturwerkstatt
2015
Literaturwerkstatt 2016
Wörter - Bilder – Sprachen: ersetzen – übersetzen – verdoppeln – verschmelzen
.
magritte: „In einem Gemälde bestehen Wörter aus derselben Substanz wie Bilder“.
René
Magritte: Der Abend fällt herein
(Le soir qui tombe). 1964.
Dennis
Mizioch & David Krause: das muster der risse - Signaturen
als
kind legte ich ein puzzle
der landschaft auf die ich blicke.
später klebte ich die scherben
des fensters neu zusammen
setzte es ein in den rahmen und wusste:
mich
interessierten nicht mehr die hügel
die burg die bäume die sonne
die wie ein stein im abendhimmel lag
sondern das muster der
risse und
aus den zerschnittenen fingern fiel blut.
https://lyrikzeitung.com/
Nicolai
Kobus: bildgebende verfahren - Signaturen
nach
René Magritte: Der Abend fällt herein
dann
knallte es laut
stieg als wolke hinauf
und fiel uns zu
ein
sterben ohne ende
hier vor dir
scherben der welt (g.n.)
Magritte: Das Fernglas
Texte: g.n.
Neue Dunkelfenster
Dunkelbilder
im endlosen Fensterspiel
öffnend und schließend.
Die Hoffnung geht
auf blumig sonnige Ränder,
Gardinen einer dunklen Welt.
Fenster mit Furchtblick
trau trump nicht
tump du du
siehst schwarz
kein wort
im himmel
zwischen wölkchen blau
ein spalt und nichts
im schwarz
tu tump,
trau nicht
dem trumpeltumf
Dort ist Ruhe
Wo immer ich hinschaute
da drohte einst der Hintergrund,
der ängstete.
So blieb ich traulich im Vertrauten
nicht dahinter oder dazwischen
vielmehr im Hier.
Hier zeigte sich Gerahmtes,
war gemeinsam wahr.
Schließt eure Spiegelfenster
lasst nicht herein
die dunklen Hintergründe.
Seht die Welt so licht so hell
im goldnen Sonnenglanz
so ohne Angst,
vorbei hindurch hinüber.
Schließt eure Fenster
vor dem Draußen.
Geschautes wird Vertrautes
Hausaufgabe:
1. Umsetzung eines gemalten Bildes in Worte.
2.
Reduktion der Worte.
3. Gestaltung eines Wortbildes.
Miro: Bleue I,II,II, 1961
sah
ich sie auf jeder seite noch
bis
der stör hinein stach so
und trieb sie reihen weise weg
einen
rest in der weite
sah niemand meer
(g.n.)
Bildliche
Konkretisierung der Verse: es ergeben sich neue Lesarten.
sah
ich
den rest nicht
im weiten
meer
Text: G.N.
Text zu einem Bild von
Jutta Lawerino
Wenn Schwarz in Rot ertrinkt
und Lava über Felsen stürzt,
ertönt der Lilithschrei nach Gott.
Abgründe schwarz sich öffnen,
wo Lilith ihr feuriges Haar, ihre Flügel bekam,
wo Lilith thront im Erdenteufel-Sturz,
wo Lilith wohnt im Weltenbaum,
dämonisch teuflisch sturmgedreht
vertrieben ungeliebt doch frei allmächtig.
Die Erde prall gedehnt.
Es ist Schöpfung.
Es ist Öffnung.
Ein Jenseits von Worten.
Eine rotbewegte Welt.
Zu jedem Glied des Körpers sprach einst Gott, als er sie schuf: ‘Sei keusch! Sei keusch!’
Und dennoch trotz aller Vorsicht, hat sie alle Fehler, die Gott zu vermeiden suchte.
Vor langer Zeit, als die Erde sich wölbte prall,
verborgne Reife glänzte, und sie trat vor,
da schlug sie Messer kantig schartig scharf,
schlug öffnete und zeigte rohe Gewalt.
Da sah ich Lilith rundgeschlagen gebunden verbunden gepreßt.
Dort, im helleren Rundschlag, Lilith, ein Körperrad aus feurigen Lunten.
Im Innern drohend
verheißend
helle Sonne.
Wer weiß vom feurigen Ausbruch eines Vulkans?
Hier kannst du stehen sehen fühlen Körper
ein kampfbilderrotes sinnliches Wunder.
(g.n.)
"Sprachmalerei" und Bildmalerei
Wirklichkeit in Kunstwelten
Umsetzung eines abstrakten Bildes in einen "abstrakten" Text
So wie der Maler Farben übereinander schichtest, so schichtet der Sprachmaler Motive, Wörter, Buchstaben strukturiert und rhythmisch geordnet ineinander, die im Leser Assoziationen und Emotionen hervorrufen können. Die Bilder und auch die Texte sind "abstrakt" und haben doch eine inhaltliche Dimension. Über beide Darstellungsarten kann man sprechen. Dabei erlebt bzw. erfährt man dann wiederum neue "Wirklichkeiten".
Texte der Eliteraten zu Bildern von Jutta Lawerino
Zwei Texte zum selben Bild von Jutta
I.
Schwarz
Dunkle Reiter
auf rasenden Rossen
jagen den Abgrund hinab.
Apokalypse.
(Christa N.)
II.
die
auch kommen über uns hinaus
luftgeistige
sylphen
incubus
sylvanisch gepaart
kryptisch
gezinkt
bên zi
bêna, bluot zi bluoda
sichtbarlich unwirklich
fuencaliente
Herr,
es werde so!
(g.n.)
Erläuterungen:
Sylphen
oder auch Sylvani sind
mythologische Naturgeister, die dem Element Luft zugeordnet sind, so
wie Undinen Wassergeister sind. Der Salamander ist wiederum dem Feuer
zugeordnet und die Zwerge oder Gnome der Erde. Sylphen
sind daher ein Beispiel für die
Spiritualisierung von Materie.
Sylvanisch
(Einhörner,
Feenwesen, Pflanzenkreaturen, Zentauren),
Sylvan
ist
eine Artrock-Band
aus Hamburg.
die aus der i Band Chamäleon
hervorging.
Der Name soll auf den Waldgott Silvanus
zurückgehen.
Silvanus
war
der römische
Gott
der Hirten
und
Wälder
und
wird häufig mit Faunus
oder
Pan
gleichgesetzt.
Zink
(Geheimzeichen)
bezeichnet die geheime Verständigung durch Laute, Gestik oder Mimik,
vor allem aber durch grafische
Zeichen.
Bein
zu Bein, Blut zu Blut. Aus
dem zweiten Merseburger Zauberspruch vom 9.Jh., mit dem das verrenkte
Bein eines Pferdes geheilt werden soll. Ein Zauberspruch dient dazu,
durch die Macht des gebundenen Wortes magische Kräfte nutzbar zu
machen.
Fuencaliente
hat
eine Beziehung zum spanischen fuego, fuente und caliente, Feuer,
Quelle und heiß. Wir haben auf der Kanareninsel Palma im Ort
Fuencaliente gewohnt.
Marcel
Broodthaers: geb.1924 Sint
Gilles/Brüssel - 1970 Düsseldorf - gest.1976 Köln
Marcel
Broodthaers. Eine Retrospektive 04.03.
- 11.06.2017 - K21 Ständehaus, Kunstsammlung Düsseldorf
Das Werk von Marcel Broodthaers ist skurril, hat Panoptikumscharakter und wirkt insgesamt wie ein großes Bildrätsel. Seine Werke spielen mit der dualistischen Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem, von Abbild und Abgebildetem, von Form und Inhalt, von Sprache und Bild. In diesen kommunikativen Prozessen, die in ihrer Polarität zwischen Poesie und wissenschaftlicher Systematik hin und her springen, sucht Broodthaers nach elementaren Strukturen von Kunst.
Seine ersten Stücke orientieren sich am großen Vorbild René Magritte. Wie der surrealistische Meister in seinen Bildern, so entlockt auch Broodthaers mit seinen Objekten dem Alltäglichen, Vertrauten etwas Unerwartetes: Er steckt die letzten 50 Exemplare seines wenig erfolgreichen Gedichtbändchens Pense-Bête in ein Gipsbad und verwandelt so die nun fest verklebten Versesammlungen zur Skulptur.
In seinen visuellen Wortspielen bleibt Marcel Broodthaers stets der Poet, der der sinnlich-intellektuellen Kunst Réne Magrittes und der symbolistischen Prosa Stéphane Mallarmés verbunden bleibt. Trotz aller Parallelen zur Konzeptkunst Marcel Duchamps ist es gerade dieser poetische Impuls, der Marcel Broodthaers von den damaligen neo-dadaistischen Strömungen der Sechziger Jahre unterscheidet. Noch gewaltiger und unüberbrückbar war die Kluft zwischen ihm und seinem Kollegen Joseph Beuys. Dessen messianischer Gesamtkunstwerksanspruch war Marcel Broodthaers höchst suspekt, worauf er nur mit seiner ironischen Poesie des Alltags reagieren konnte. Für ihn verkörperte Joseph Beuys Wagner, er selbst dagegen sah sich eher als Jacques Offenbach der Kunst, der sein eigenes Werk mit einem Augenzwinkern betrachtete.
Stéphane Mallarmé schuf 1897, ein Jahr vor seinem Tod, das Langpoem "Un coup de dés jamais n'abolira le hasard" - auf Deutsch etwa: "Ein Wurf mit dem Würfel wird niemals den Zufall abschaffen." Der Schriftsteller legte sein Gedicht wie eine Wortpartitur an: Im scheinbar zufälligen Rhythmus fließen die Zeilen über die Seite. Manchmal bestehen sie nur aus einem Wort, manchmal aus einer Phrase oder einem ganzen Satz. Philosophisches, metaphorisches Denken ist hier Sprachmusik geworden.
Über elf Seiten quer verteilt öffnet jedes einzelne dieser Worte neue, einander untergeordnete Subtexte, wobei die Unterscheidung zwischen vorherrschendem Motiv und sekundären Abzweigungen typographisch in einer Weise veranschaulicht wird, die das klassische 'Medium' Buch sprengt und die ungezügelte Kraft der Schrift virtuell hervorbrechen läßt.
Die Eliteraten (Febr. 2017)
Campert-prijs 2010 - Hélène Gelèns "zet af en zweef" Lees hier Juryrapport
atme ruhig ein und aus, atme ein und aus, denk an den namensträger, ein aus, ein und aus, gut so, ein, sprich den namen aus
hasch nach dem namen, versuch ihn zu haschen als schnapptest du luft, etwa so: hapshaps, nach dem namen haschen, hapshaps
nicht husten, haschen, hapshaps, nicht husten, ruhig ein- und ausatmen, ein und aus, nicht husten, einatmen einatmen
wie nach dem träger des namens heische nach atemluft, hasch nach luft, such sie zu haschen atemluft, du mußt noch stammeln, haps! haps!
nicht beim kopf beginnen nicht beim fuß nicht bei der nase nicht beim finger der linken hand von herrn herbert
bei fingerspitzen beginnen nicht bei den nicht bei den meinen - tintenbeschmierten beginnen bei diesen beliebigen: unbefleckten fingerspitzen von einer die angestarrt wird deren auge und zunge verraten: kein köpfchen nicht naseweis
fingerspitzen die gleiten genau so als ob und die pieksen wie sie es täten und kitzeln wie wenn in der luft umfahren sie eine parabel der blick pappt darüber darunter dahinter bei ihrem satz beginnen in fingerspitzen prickelt verlangen
zu meinen fingerspitzen übergehen sie prickeln bis ich taste
gedicht voor twee stemmen en een klok
tick hör wie sie tickt tick deine uhr tickt tick
meine uhr tickt nicht es tickt nichts ich hör nichts
du denkst tick tick nicht! tick tick nicht! tick doch du weißt tick die uhr tickt tick da sagst du tick sie tickt nicht tick ich hör nichts tick
ich hör keine uhr kein geticke kein einziges ticken
tick doch sie tickt tick deine uhr tickt tick du willst das tick nicht hören tick warte nur deine tick uhr deine uhr tick sie wird schon noch tick ticken
kein einziges ticken es tickt nichts die uhr existiert nicht
du denkst tick ticknichtticknicht tick tick nicht! tick und später tick die reue: tick sie tickt nicht mehr tick tickt nie mehr – tick was wenn dich tick die reue packt?
was wenn du die uhr erfindest was ist wenn das kind dich reut?
tick du weißt nicht tick was dir fehlt
ich weiß nicht was mir fehlt doch du du weißt was dir fehlt was dir fehlt tickt
niet wij rennen
nicht wir rennen
wir denken an zielloses an ungebremstes rennen wir rennen wir rennen verzögern das bild spring ab schwebe und lande
jeder schritt rollt von der ferse zum fußballen zum großen zeh jeder absprung voll kraft jeder schritt ein sprung spring ab schwebe und lande spring ab und schwebe
wir schweben und schweben im ungebremsten rennen wir fliegen eher durch die luft als den boden zu berühren spring ab schwebe und lande spring ab spring ab und schwebe lande spring ab
wir denken uns ziellos uns ungebremst rennend wir laufen uns leer der körper als pfeil mühelos rennen wir nichts tut meht weh
nicht wir rennen --- der pfad rennt
sluitingstijd
feierabend
du bestimmst: das ist geheuer das ist nicht geheuer dies hier geheuer das da nicht geheuer früher nicht geheuer jetzt geheuer danach
aus dem dunkel applaus und du sagst eitelkeit eitelkeit alles ist eitelkeit, du streichst (eitelkeit der eitelkeiten) sagst alles ist! alles ist! alles ist nur was es ist, du streichst ales! alles! sagst du plötzlich fünf uhr ist feierabend für alles
und streichst noch weiter: alle all al a applaus aus dem dunkel und weißt nicht: geheuer oder nicht geheuer
Übersetzt von Esther Kinsky
in ongeremd rennen volg je het pad tot je het pad tevoorschijn rent ren je de zon tevoorschijn en een duinvallei het mulle zand het helmgras het geruis van de zee ren je de zee tevoorschijn een steeds onmetelijker zee
im ungebremsten rennen
folgst du diesem pfad bis du den pfad zum vorschein bringst rennst du zum vorscheinen der sonne und eines dünentales der lockere sand das dünengras das rauschen des meeres rennst du zum vorscheinen des meeres ein immer unermessliches meer
Dieses Gedicht von Hélène Gelèns als muurgedicht (muurgedicht in Den Haag)
s.a. Lijst van muurgedichten in Leiden - Wikipedia
(142 Häuserwände mit Gedichten)
1. Texte zu Farbbildern von Jutta Lawerino
2. Neue Lyrikbeispiele
Tom Schulz
(* 18.08.1970, Oberlausitz)nichts gesagt und getan
als die eigenen Hieroglyphen in den
Sand gesetzt
durch soviel Kuhmist geschritten
rauchst du mit
mir den miesesten ipod
holst du die Anspruchsmusik herunter
auf dich lässt sich alles
verwenden
die Nächte, in denen wir verbrennen
sollen die
Vulkane ins Quadrat nehmen
deine Liebe, lass sie mich ausstatten
mit einem Seepferdchen,
nicht domestizierbar
die Eiweißverbindungen die zwischen uns
bestehen
doch ich werde rein pflanzlich
bis später, wüst
gefallen vor 2069
welche Kurpromenade werden die Berührungen
entlang schlendern,
wenn die wirkliche Schönheit
verfliegt auf der anderen
Straßenseite
(sie kam vom studentischen Austauschdienst
folge
ihr ins Bad und vergifte sie)
es ist Sommer, trockene Hitze, nein Schwüle
trockene
amerikanische Lakonie, es ist Sommer
in den Bäumen die Maultiere,
große Dürre
waren es Williams Birnen oder Pflaumen
jedenfalls
ist es Sommer
dreh mal die Platte um, sometimes a pony
gets depressed,
was macht das schon
für einen Unterschied, verschwinden
oder
herausgestrichen werden aus einem Plan
der nicht aufgeht
nur die lange schweigende Mehrheit der auf dem Grund
der Flüsse
röchelnden Fische, die den Rochen voll
und hinter tausend
Hefeweizen keine Welt
Tom Schulz
die Tagesmutter (deutsch - französisch)
Gerölle von kleinen Steinen, ein Kiesel farbener Tag, von ihm ist nicht mehr
viel übrig, von mir
allerhand, du kannst es aus meinen Augen
trinken, die nicht nachtblinden Fensterscheiben die morgens niemanden fortgehen sehen
auf Uhren täglich, die eingestellte Zeit
Sittiche mag ich, Babys, beaufsichtige
sie jedoch nicht gern, zwei Katzen
wohnen in meiner Brust, die Mutter
wie Friedhofskresse, im Sommer
muss man alle Mütter gut gießen
man muss sich am Eingang eine Plastik Kanne ausleihen, dann zu einem Brunnen
schlendern, es gibt sie doch
Brunnen, wenn ich die Stelle streichele
zittert dann die Mutterschoßhand?
es gibt sie doch, zwischen Quietschwatte
Singvögeln, zwischen mir
& der Vorstellung, ich würde Rentnerinnen
umarmen in Parks
wie sag ich es ihr?
ich habe keine & ich weine
den lieben langen Tag ins frische Gras
bois-le dans mes yeux
les vitres savent la nuit
ne
voient personne partir (le matin)
tous les jours sur les montres le temps est suspendu
j’aime
les perruches, les bébés
mais je n’aime pas m’en occuper,
deux chats
habitent dans ma poitrine et ma mère :
c’est du cresson
de cimetière
(en été, arrosons mères et belles-mères)
il faudra emprunter un arrosoir en plastique
puis faire une
promenade
jusqu’à un puits, il y a des puits
et si je caresse la main
posée sur les genoux de ma mère,
tremble-t-elle.
il y a des mères, parmi boules de polystyrène,
oiseaux chanteurs et moi jusqu’à
mes idées de prendre
au milieu d’un parc
des grands-mères dans mes bras
comment lui dire
n’ai pas de mère, toute la sainte
journée
mes larmes coulent dans l’herbe fraîche
Eliterarische
Vers-Beispiele (März. 2017)
Tom Schulz
"Lichtveränderung. Gedichte."
Aus: "Die Waldameisen"
"vergiss nicht das Eichhörnchen
zu reanimieren,
regnet es
unter dem Rettungsschirm
regnet es wenige Meter
über
dem Meer, Geliebte der Buchecker
ich wohne jetzt im Norden
wo
die Wälder Kieselsteinteppiche sind"
Aus: "An
einem Wintertag mit Schneerosen",
(das
Werden und das Vergehen als ein Meereswogen)
"Das ist beinah alles:
das Leben, ein oder
zwei
Hebungen über dem Meer"
"ich imaginiere, wie deine Fingerspitzen
einen Garten
bewirtschaften
der mich verwüsten wird, wenn das Licht
in
einem Dopplereffekt gleichermaßen zu
und abnimmt"
"........
Baum Blume Gras
leg dich leicht auf den Boden
&
werde zu Erde
sei ein Freund aller Gestirne
die sich drehen & drehen
& drehen
um keinen Marktplatz
erst opfern wir eine Muscheltankstelle, dann singen wir"
Steffen Popp (* 18. Juli 1978 in Greifswald)
Gedichtband 118 (auf der Auswahlliste des Preises der Leipziger Buchmesse 2017.)
Das poetische System der 118 Elemente
beginnt nicht mit H (Wasserstoff), sondern mit Fe. Das wiederum steht
nicht für Ferrum, also Eisen, sondern Fenster:
Klirren, mikrofein, Knistern,
subarktisch
stehen
am Eisblumenfenster, wie Riesen
gekörnt in die Silber Iltis
Sternstäubchen
Schwebe des Zimmers.
Amorph, diaphan,
zartseifige Glanzschicht
zwischen Innen- und Außen, vor
Augen
die reglose Kühle, Glätte ins Bild eintragen.
Stürzen
– hinaus und in sich - verbindet
unter den Freunden auch.
Gemalte Scheiben
- Rahmen, Kitt. Spuren von Vogelkrallen.
Das Harz läuft aus den Bäumen, wie gewohnt
stehen die
Wälder, hölzern und grün
vor meinem Fenster, und überall auf
der Erde
wo kein Feld ist, kein
Garten
kein
Haus wie das meine.
Manchmal ein Tier, an der Blattunterkante
eine rehbraune
Schießscheibe mit wenigen
Treffern vom Vorjahr –
zwei
uralte Pferde
ziehn Holz aus dem Windbruch, mit der Dunkelheit
kommen die Jäger, man sieht ihre gelben
Turnschuhe
leuchten.
Der Preis in Belletristik geht an Natascha Wodin mit dem Buch "Sie kam aus Mariupol".
Die Eliteraten (Mai 2017)
Der Schreibprozess und die Erschaffung von "Wirklichkeit" durch Sprache
1. Wie schreibt ihr?
2. Was schreibt ihr, wenn ihr schreibt?
3. Was entsteht und wird durch die Sprache in der Sprache real?
....
ich schreibe wie das frühe
frühjahr
das das gemeinsame
alphabet der anemonen
der buche des
veilchens und
sauerklees schreibt
ich schreibe wie der
kindliche
sommer wie donner
über den kuppeln des
waldrands
wie weißgold wenn der blitz
und das weizenfeld
reifen
....
ich schreibe wie das herz
das
klopft schreibt
das schweigen des skeletts
und der nägel der
zähne
des haars und des schädels
ich schreibe wie das herz
das
klopft schreibt
das flüstern der hände
der füße der
lippen
der haut und des geschlechts
ich schreibe wie das herz
das
klopft schreibt
die geräusche der lungen
der muskeln des
gesichts
des gehirns und der nerven
ich schreibe wie das herz
das
klopft schreibt
das rufen des bluts
und der zellen der
gesichte
des weinens und der zunge
2. Inger Christensen (Aus "Det/Das", S.171)
Wenn ich schreibe dass der baum auf einer ebene steht
Vielleicht dass er auf einem acker steht Allein
Dass die blätter grau sind Dass der stamm hohl ist
Dass die krone gewaltig und brennend rot ist
Dass er deshalb ein rotdorn ist Dass die krone grün ist
Dass die blätter welkenDass die blüten duften
Dass der baum fungiert Um zu fungieren
Habe ich getan was ich konnte um zu sehen
Zum Langgedicht "Det/Das"
(s. Schreibwerkstatt Günter Neuenhofer, VHS-Bocholt, September 2012)
Das
Das
ist es
Es ist das ganze
Es ist das ganze in einer menge
Es
ist das ganze in einer menge verschiedenes
Es ist das ganze in
einer menge verschiedener menschen
....
3. Linea recta (Gerrit Komrij)
Es ist das Horn von einem Rhinozeros.
Es ist die Härte einer dauner`n Faust.
Es sind die Federn eines Flamingos.
E ist der Star der im Obstbaum haust.
Es ist der Zweig an dem das Grün erscheinet.
Es ist die Farbe vor der die Liebe weicht.
Es ist der Hass der jedes Ding verkleinert.
Es ist der Zwerg der bis zum Himmel reicht.
Es ist der Riese der auf den Toten tanzt.
Es ist das Blut das quillt aus dem Grund.
Es ist das Rot das auf deinen Lippen glänzt
und mit den Lippen suchst du nun mein` Mund.
Die Eliteraten (24.Mai 2017)
Sprache und Bild
Inger Christensen – „licht“ (Kleinheinrich) - Leseprobe
Ich erkenne abermals
eine lichtung in der sprache wieder
die geschlossenen wörter
die da sind um geliebt und wiederholt
zu werden bis hin zum einfachen
......
Gedicht-Vergleich: Inger Christensen und Hildegard Knef
Inger Christensen
Du gehst an mir vorbei
Du gehst an mir vorbei
während wir ganz still sitzen
Ich rede an mir vorbei
während du nicht hörst
Wir tun nichts
und ein engel liest uns auf
Hildegard Knef
Liedtext: Du, du gehst an mir vorbei
Du, du gehst an mir vorbei
es ist ja einerlei, ausgelöscht
was einmal war mit uns und unsrer Liebe
Oft glaub ich, ich wär bei dir
und du, du sprichst mit mir
wie es einst war, ganz früher war
Doch die schönen Stunden sind vorüber
und andre Menschen sind dir lieber
dich quält nicht wie mich Sehnsucht
Du, du gehst an mir vorbei
es ist ja einerlei, Lebewohl
und Goodbye
Ria van Krieken |
In de schilderijen die over het groningerland, de polders, kwelders, Dollard en het wad gaan hebben de schuine lijnen hun intrede gedaan. Flarden tekst geven de dingen hun plaats
Die Eliteraten (31. Mai 2017)
Nutze folgende Formeln zur Strukturierung eines eigenen Gedichtes:
1. "Hier steht ein... In diesem gibt es nicht... Keine..." (Hier steht ein Gedicht, R.D.Brinkmann)
2. "Die Geschichtenerzähler machen weiter", (Alles macht weiter von Rolf Dieter Brinkmann)
3. "Sie werden hier nichts hören, was Sie...." (aus Publikumsbeschimpfung von Peter Handke)
Hier steht ein Gedicht ohne einen Helden. In diesem Gedicht gibts keine Bäume. Kein Zimmer zum Hineingehen und Schlafen ist hier in dem Gedicht. Keine Farbe kannst du in diesem
Gedicht hier sehen. Keine Gefühle sind in dem Gedicht. Nichts ist in diesem Gedicht hier zum Anfassen. Es gibt keine Gerüche hier in diesem Gedicht …
… fehlt in dem Gedicht hier. Es ist nicht Montag, Samstag und Sonntag in dem Gedicht. Das Gedicht hier ist nicht die Verneinung von Montag oder Donnerstag. Das Gedicht hört hier einfach auf.
Alles macht weiter (Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1 & 2, 1975)
Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Autoindustrie macht weiter, die Arbeiter machen weiter, die
Regierungen machen weiter, die Rock'n'Roll-Sänger machen weiter, die Preise machen weiter, das
Papier macht weiter, die Tiere und Bäume machen weiter, Tag und Nacht macht weiter, der Mond geht auf,
die Sonne geht auf, die Augen gehen auf, Türen gehen auf, der Mund geht auf, man spricht, man macht
Zeichen, Zeichen an den Häuserwänden, Zeichen auf der Straße, Zeichen in den Maschinen, die bewegt
werden, Bewegungen in den Zimmern, durch eine Wohnung, wenn niemand außer einem selbst da ist, Wind weht altes Zeitungspapier über einen leeren grauen Parkplatz, wilde Gebüsche und Gras wachsen in den liegengelassenen Trümmergrundstücken, mitten in der Innenstadt, ein Bauzaun ist blau gestrichen, an
den Bauzaun ist ein Schild genagelt, Plakate ankleben Verboten, die Plakate, Bauzäune und Verbote
machen weiter, die Fahrstühle machen weiter, die Häuserwände machen weiter, die Innenstadt macht
weiter, die Vorstädte machen weiter... Auch alle Fragen machen weiter, wie alle Antworten weitermachen.
Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe auf ein weißes Stück Papier.
vgl Ernst Jandl:
Leise unruhe an ruhigen tagen sitzen und fragen: geht es immer so weiter? (7x) ... ach ginge es doch immer so weiter (s. Literaturkreis 2015,I)
Publikumsbeschimpfung (s. VHS Schreibwerkstatt Bocholt 2012, Peter Handke) ....
Sie werden hier nichts hören, was Sie nicht schon gehört haben. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben. Sie werden hier nichts von dem sehen, was Sie hier immer gesehen haben. Sie werden hier nichts von dem hören, was Sie hier immer gehört haben.
"Sprach-Spiegelungen"
Lyrische Dialoge: "Wortwürfe"zu fremden Gedichten
Arie Grevers
"Wortwürfe" zu Ari Grevers slecht wegdek met 11 deutschen Worten gedeutet von g.n. und katja perricci.
Waar knokigheid de spanning breekt - im Altenheim wohnen- rustoord voor bejaarden
Zie
weiße mauern
ik stap uit
die wohnhöhlen
loden schoeisel
halten mich fest
en schud klinkers
für ein leben hier
uit de aderen
fließt tod
trek
in die blumentöpfe
barrevoets sporen
über asphalt
in het natte sand
fehlt jegliche freude
dat ontspant als
reisbrettzeichnung
de druk is
ein entschluss ein ende
weggenomen
die kurze zeit
...
de tijd deelt wat
nog asfalt
is en wat geweest
weg vanhier weg
vanhier
als de mier die
weet Waarheen
Katja Perricci zu Aries „slecht wegdek“
Weil ich raus will
aus der Jacke der Zwänge,
lege ich mich den Steinen in den Weg.
Asphaltumschlungen versickere ich
in die andere Welt unter der brüchigen Straße,
wo die Zeit nur barfuß vergeht
und Ameisen auf ewig unzerdrückt bleiben.
Katja Perricci, 08/2017
1. Limerick (k.p.)
Ein Ameisenfräulein aus Haltern
empfand große Freude beim Altern.
Schön flog sie davon
ganz ohne Kokon.
Vielleicht stammt sie ab von den Faltern.
2. Limerick (g. und chr.)
Ein Meislein sang asphaltumschlungen
ein Liedchen mit halbvollen Lungen
so abgrundig voll
mehr in Dur als in Moll
das A hat sie freudig verschlungen
Schrijf me de klanken
van en schriftloos alfabet
om met loden tranen te huilen.
Zet me wat bedrukt op scheerlijnen
van een talige luchtspiegeling.
Boekstaaf me het moeizame klauteren
tussen wal en ark
als in den beginne het woord
dat afvalt op de waterscheiding:
grens
(Übersetzung)
Schreib’ mir die Klänge
eines schriftlosen Alphabets
um mit bleiernen Tränen zu weinen.
Setz’ mir was bedrückt auf Spannschnüre
einer sprachlichen Luftspiegelung.
Buchstabier’ mir das mühselige Klimmen
zwischen Ufer und Arche
so wie am Anfang das Wort
das abfällt auf die Wasserscheide:
Grenze
niemandsland
zeit 'n kunst
als mens
zoals altijd
en soms
grenzenloos
die zeit hält sich
steht in moorigen tümpeln mit bleiernen füßen
verweint in ziffern den tag
die jahre bedrückt
kein entkommen
zet wat bedrukt in scheerlijnen
cijferloze tijdspiegeling
talig bezongen moeizam beklauterd
van daag tussen wal en ark
boekstaaf de tijd
nu en immer begrensd
die zeit und die worte bleiben
altijd grenzenloos
geschrieben wann und wo
wer sagt dir: geh
rühr dich nicht an stürmischen tagen
ich sag dir: sieh
der tod ist ein stürzen in den bergen
wer geht voran
über rücken und grate
ich sag: die tür ist nicht für dich
vertraue meinen worten
die traurige ouvertüre ist für dich keine lektüre
bleib bei der süßen konfitüre (g.n.)
Stürbe ich
an einem stürmischen Tag
bei einer traurigen Ouvertüre,
also stürzte ich mich in den Tod
wie in der ergreifendsten Lektüre,
als wäre der Tod ein Ozean, bau oder türkisfarben,
einerlei - und am Mundwinkel noch ein Rest Konfitüre,
wie schaffte ich es, durch diese bittere Tür zu gehen,
wäre nicht Einer vorangegangen? (Katja Perricci)
Eine junge Frau kroch aus übergroßer Leselust zu tief in ihre Geschichte hinein wie in ihr Bett, deckte sich zu und erstickte. Eine zweite junge Frau kroch ebenfalls in die Geschichte und begann, sich in das Bettlaken einzuwickeln, aber in ihrer übergroßen Leselust erstickte sie. Dann kroch eine dritte junge Frau in die Geschichte, dann eine vierte. Als auch sie an der Geschichte erstickt waren, hatte ich die Nase voll, nahm einen Schluck Kaffee aus der Tasse und hoffte auf eine angenehmere Geschichte/Zukunft. Krieche deshalb nie in ein Buch mit einer Nachbarin! Lebe deine eigene Geschichte! (gn)
4. Franz Kafka (Beispiele für Erzählstruktur und Sprache)
Infos zu Kafka
Von 1908 bis 1922 arbeitete Kafka in der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen" (AUVA). Für ihn bedeutete das zwei Leben: Von 8 bis 14 Uhr befasst er sich mit Arbeitsunfällen in Fabriken und wie sie zu verhindern wären. Er plädiert für die Einführung runder Wellen in Hobelmaschinen statt der gefährlichen Vierkantwellen und schlägt sich mit Fabrikanten herum, die sich gegen die Versicherungsbeiträge wehren.
Und nachts, wenn die Wohnung endlich ruhig geworden ist, schreibt er seine Geschichten. Welches Leben sein eigentliches ist, stand für ihn fest, aber seinen Eltern hätte er es nie begreiflich machen können: "Er hat das Bewusstsein gehabt, dass er in der Sprache lebt. Die Sprache war sozusagen sein Sauerstoff, sein Lebensstoff", sagt sein Biograf Reiner Stach.
Die Verwandlung (Anfang und Ende des Textes, Kap.18, 19)
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.
»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war – Samsa war Reisender – hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob.
Gregors Blick richtete sich dann zum Fenster, und das trübe Wetter – man hörte Regentropfen auf das Fensterblech aufschlagen – machte ihn ganz melancholisch. »Wie wäre es, wenn ich noch ein wenig weiterschliefe und alle Narrheiten vergäße«, dachte er, aber das war gänzlich undurchführbar, denn er war gewöhnt, auf der rechten Seite zu schlafen, konnte sich aber in seinem gegenwärtigen Zustand nicht in diese Lage bringen. Mit welcher Kraft er sich auch auf die rechte Seite warf, immer wieder schaukelte er in die Rückenlage zurück. Er versuchte es wohl hundertmal, schloß die Augen, um die zappelnden Beine nicht sehen zu müssen, und ließ erst ab, als er in der Seite einen noch nie gefühlten, leichten, dumpfen Schmerz zu fühlen begann..........
Im übrigen fühlte er sich verhältnismäßig behaglich. Er hatte zwar Schmerzen im ganzen Leib, aber ihm war, als würden sie allmählich schwächer und schwächer und würden schließlich ganz vergehen. Den verfaulten Apfel in seinem Rücken und die entzündete Umgebung, die ganz von weichem Staub bedeckt waren, spürte er schon kaum. An seine Familie dachte er mit Rührung und Liebe zurück. Seine Meinung darüber, daß er verschwinden müsse, war womöglich noch entschiedener, als die seiner Schwester. In diesem Zustand leeren und friedlichen Nachdenkens blieb er, bis die Turmuhr die dritte Morgenstunde schlug. Den Anfang des allgemeinen Hellerwerdens draußen vor dem Fenster erlebte er noch. Dann sank sein Kopf ohne seinen Willen gänzlich nieder, und aus seinen Nüstern strömte sein letzter Atem schwach hervor......
Während sie sich so unterhielten, fiel es Herrn und Frau Samsa im Anblick ihrer immer lebhafter werdenden Tochter fast gleichzeitig ein, wie sie in der letzten Zeit trotz aller Plage, die ihre Wangen bleich gemacht hatte, zu einem schönen und üppigen Mädchen aufgeblüht war. Stiller werdend und fast unbewußt durch Blicke sich verständigend, dachten sie daran, daß es nun Zeit sein werde, auch einen braven Mann für sie zu suchen. Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.
Das Urteil, 1913 (Anfang und Ende des Textes)
Es war an einem Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr. Georg Bendemann, ein junger Kaufmann, saß in seinem Privatzimmer im ersten Stock eines der niedrigen, leichtgebauten Häuser, die entlang des Flusses in einer langen Reihe, fast nur in der Höhe und Färbung unterschieden, sich hinzogen. Er hatte gerade einen Brief an einen sich im Ausland befindenden Jugendfreund beendet, verschloß ihn in spielerischer Langsamkeit und sah dann, den Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, aus dem Fenster auf den Fluß, die Brücke und die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün.......
»Du hast mir also aufgelauert!« rief Georg.
Mitleidig sagte der Vater nebenbei: »Das wolltest du wahrscheinlich früher sagen. Jetzt paßt es ja gar nicht mehr.«
Und lauter: »Jetzt weißt du also, was es noch außer dir gab, bisher wußtest du nur von dir! Ein unschuldiges Kind warst du ja eigentlich, aber noch eigentlicher warst du ein teuflischer Mensch! – Und darum wisse; Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!«
Georg fühlte sich aus dem Zimmer gejagt, den Schlag, mit dem der Vater hinter ihm aufs Bett stürzte, trug er noch in den Ohren davon. Auf der Treppe, über deren Stufen er wie über eine schiefe Fläche eilte, überrumpelte er seine Bedienerin, die im Begriffe war hinaufzugehen, um die Wohnung nach der Nacht aufzuräumen.
»Jesus!« rief sie und verdeckte mit der Schürze das Gesicht, aber er war schon davon. Aus dem Tor sprang er, über die Fahrbahn zum Wasser trieb es ihn. Schon hielt er das Geländer fest, wie ein Hungriger die Nahrung. Er schwang sich über, als der ausgezeichnete Turner, der er in seinen Jugendjahren zum Stolz seiner Eltern gewesen war. Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt«, und ließ sich hinabfallen.
In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.
"Das Sein von jeglichem, was ist, wohnt im Wort." - “Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung. Ihr Wachen ist das Vollbringen der Offenbarkeit des Seins, insofern sie diese durch ihr Sagen zur Sprache bringen und in der Sprache aufbewahren.”
Die Eliteraten (Sept. 2017)
"Wortwürfe" - "Worte rufen Worte hervor."
Verse bzw. Worte Hölderlins als kreative Impulsgeber für eigene Verse
Aufgabe: Benutze die Verse eines Hölderlin-Gedichtes (z.B. Versanfänge oder andere kleine Wortgruppen) und schreibe dazu assoziativ eigene Verse. Es entstehen Variationen bzw. Gedichtzyklen zu Hölderlin-Versen.
Friedrich Hölderlin (*1770 in Lauffen am Neckar; †1843 in Tübingen) zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern.)
Hälfte des Lebens
Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.
Palimpsest und Parodie (www.siegfried-busch.de: 2008 unter Verwendung von Hölderlins„ Schicksalslied“ und „Hälfte des Lebens“) MetropoliS21
Ihr wandelt droben im Licht,
Auf Halbhöhenlagen, Stadtplaner, Aktionäre, Investoren!
Frisch umsäuseln euch Lüfte leicht,
In Doppelgaragen Mercedes und Smart.
Doch uns ist gegeben
An keiner Stätte zu ruhn,
Es fahren tief unten die einfachen Menschen
Wie Rohrpost von Bahnhof zu Bahnhof geworfen,
atmen Tunnelluft in tiefer Station.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es unten ist, die Aussicht, und wo
Den Sonnenschein?
Betonwände stehn
Sprachlos und kalt.
Mein Stuttgart - wohin denn du?
MENONS KLAGEN UM DIOTIMA
1.
Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,
Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;
Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,
Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,
Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,
Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;
Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm,
Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher.
Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der Nacht hilft,
Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.
Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches Heilkraut
Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephire stillt,
So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand
Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?
(insgesamt 9 Strophen)
Ein Anderes immer (Variante zum Originaltext von g.n).
Menons neue Klagen im alten Odenton
Wie lange seh ich dennoch die Blumeninseln des Sommers?
Täglich geh ich heraus im Blick verglühtes Erleben.
Habe längst sie befragt weisere Denker der Zunft
Droben verschwinden die klärenden Grenzen im grellen Licht
Und die Quellen verströmen donnernd sich breit zu tosendem Lärm.
Ruh erbittend gedenk ich der ruhigen Sommerblumzeit.
So, ihr Lieben erträum ich mir Inseln des inneren Glücks.
Doch die Frage nach Wahrheit bleibt grundlos in Zweifeln erstarrt.
Abendphantasie (Friedrich Hölderlin, Ode von 1799)
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben
In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -
Doch, wie verscheucht von thöriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Bei Friedrich Hölderlin ist die 3. asklepiadische Strophe die am häufigsten nachgebildete, zum Beispiel in Heidelberg, Sokrates und Alcibiades und wie hier in dem zweistrophigen Gedicht
Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene
Götterruhe dir oft, und der geheimeren,
Tiefern Schmerzen des Lebens
Hast du manche gelernt von mir.
O vergiß es, vergib! gleich dem Gewölke dort
Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du
Ruhst und glänzest in deiner
Schöne wieder, du süßes Licht!
Horaz (65 - 8 v. Chr., römischer Dichter).
"Carpe diem" aus der Ode „An Leukonoë“ (23 v. Chr.)
(dt. „Genieße den Tag“ oder wörtlich: „Pflücke den Tag“)
....
spem longam reseces. Dum loquimur, fugerit invida
aetas: carpe diem, quam minimum credula postero.
verzichte auf jede weiter reichende Hoffnung!
Noch während wir hier reden, ist uns bereits die missgünstige Zeit entflohen:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!
Das Metrum (Versmaß) der Ode ist der asclepiadeus maior:
— — | — v v — | — v v — | — v v — | v x
Laß das Fragen doch sein! Sorg dich doch nicht über den Tag hinaus!
.... Nun aber Schluß!
All das ist Zeitverlust!
Küssen Sie mich, m'amie! Heute ist heut! Après nous le déluge!
O-Ton-Rhythmus auf Stühlen (g.n.)
ruhlos versprochen
stuhlvoll gesprochen
zum reden getroffen
auf stühlen zu lernen
geleert zu beschreiben
gelernt zu vertreiben
die oden gesänge
wir zwitschern nicht verse
nur modisch wir singen
wir eliteraten
zerstampfen und tanzen
verweigern das hüpfen
geleerig entschlossen
mit hölderlin rhythmen
Beachte: Beide Verszeilen haben sechs betonte Takte, auch der Pentameter, der aber in der Mitte einen Hebungsprall || hat.
Merkverse von Matthias Claudius:
Im He | xameter | zieht der äs | theti sche| Dudel sack | Luft ein.
Im Pen | támeter | dráuf || lässt er sie | wieder he | raus.
– υ | – υ υ | – || – υ υ | – υ υ | –
Merkverse von Friedrich Schiller:
Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,
Im Pentameter drauf || fällt sie melodisch herab.
carpe diem - „Genieße den Tag“
Eliteraten versenden verdrückte lachende smilies,
zuckrige Filmchen dabei, tierlieb mit herzigen Küsschen.
Eliteraten besetzen im Abendgrün rotfarbig Stühle,
ruhsuchend plaudern sie dann, zwitschern mit Versen und Bildern.
Stumm bleibt der Garten ohn` rhythmische sechsfüß`ge Klänge.
Wollt ihr denn keinerlei Tanz, wo bleiben Römische Verse?
Distichen sind eure höheren Ziele fernab vom Alltag.
Eliterarisch ästhetisch vergnügt, so wird ein Tag euer Glück.
Ultrakurze Erzählungen
Wiki: Flash fiction is fictional work of extreme brevity, that still offers character and plot development, including the Six-Word Story, "twitterature" (140 words), the "dribble" (50 words), the "drabble"/"microfiction" (100 words), "sudden fiction" (750 words), Flash Fiction (1000 words), nanotales and "micro-story". Some commentators have also suggested that some flash fiction possesses a unique literary quality.
1. handpalmverhaal - zkv (zeer kort verhaal)
Im Niederländischen gibt es die "Handflächengeschichte /-erzählung", die ebenfalls den Umfang einer Seite nicht übersteigen darf. Populär wurde das Genre durch A. L. Snijders (*1937), der dafür den Begriff der zkv prägte. Er begann im Jahr 2000 mit dem Schreiben sehr kurzer Erzählungen, die er per Email an Freunde und Bekannte verschickte. Heute versorgt Snijders durch seine graslijst regelmäßig tausende von Lesern mit neuen ZKVs. Die meisten ZKVs haben einen Umfang zwischen 100 und 300 Wörtern, werden in einem Zug geschrieben und nicht mehr verändert. Die Besonderheit der ZKV hat nichts mit der Länge zu tun, sondern damit, dass etwas Seltsames, etwas Merkwürdiges in ihr ist. Zeer Korte Verhalen - De Ochtend van 4 - NPO Radio 4
STRAND (A. L. Snijders)
Ich gehe mit den Hunden durch den Wald. Es ist die letzte Sekunde.* Es ist ein stiller Wald, ich bin dort immer der einzige Spaziergänger. Ich behaupte nicht, dass ich Angst habe, aber wenn ich etwas Ungewohntes sehe, fühle ich eine dumpfe Unruhe, wie man sie hat, wenn man auf einem Marktplatz einen tanzenden Bären sieht. Ich treffe einen Spaziergänger. Zuerst denke ich, dass es ein unbekannter Baum ist, aber er stellt sich als Spaziergänger heraus. Er ist unbefangen, wir reden. Er fragt, was ich mache. Ich sage: "Ich bin Schriftsteller." Er sagt: "Das ist jemand, der am Strand steht, ein Sandkorn zwischen seinen Fingern beschaut und das beschreibt. Wenn er fertig ist, ist er alt. Er denkt, dass er den Strand beschrieben hat." Ich sage: "Verdammt."
Frank de Crits (*1942) war bis 2010 Organisator der "Brüsseler Mittage für Poesie und Prosa".
Gestolen handschrift publizierte De Crits in einer Ausgabe der Literaturzeitschrift De Brakke Hond mit dem Schwerpunkt "Prosagedichte" (95/2007). Heute liest es sich fast wie ein Kommentar zu Urheberrechtsdebatte und Open Source.
Das gestohlene Manuskript
in einer berüchtigten kneipe wurde sein manuskript gestohlen zwei diebe aus einem fernen land machten sich mit 52 prosagedichten davon er holte vergnügt luft und seufzte kurz erleichtert weil seine arbeit für nichts und diebe war jahrelang hatte er tausend gedichte für nichts geschrieben und endlich hatte er zwei leser gefunden ein paar straßen weiter ließen sich die leser nach diebstahl und flucht auf eine bank fallen und kramten in seiner dichtertasche warfen die wertgegenstände weg und bewahrten die von ihm vollgekritzelten hundert blatt papier sie begannen fieberhaft die buchstaben zu entziffern und eine welt öffnete sich vor ihnen alle register der poetischen prosa waren enthalten alle denkbaren und undenkbaren themen wurden behandelt sie amüsierten sich köstlich und verschlangen seine verse in ihr weit entferntes land geflüchtet baten sie einen leser-dieb alles zu übersetzen und herauszubringen das buch: mort subite sudden death wurde ein enormer erfolg später als er in dem fernen land am bahnhof ankam auf der durchreise in ein nachbarland wurde er von einer horde mädchen erkannt sie bettelten um ein autogramm für ihr exemplar er hatte aus versehen in das gestohlene manuskript mit bleistift ein selbstporträt gezeichnet
Anmerkung zur Übersetzung: Da das Niederländische einen stärker isolierenden Sprachbau hat als das Deutsche und das Verb zudem manchmal weiter vorne im Satz steht, lassen sich die Sätze in der Übertragung nicht an allen Stellen so gut ineinanderschieben wie im Original (vgl. die letzten drei Zeilen des ersten Absatzes).
2. Very Short Tales
Osama Alomar, in den USA lebender syrischer Schriftsteller. Viele der kurzen Erzählungen werden in schlichten Worten von sprechenden Steinen, Tieren, Sümpfen oder dem Wetter erzählt - wie in Fabeln von Aesop.
"Embrace" (Umarmung): "In einem schönen Garten umarmen sich die Bäume über zwei streitenden Brüdern."
"Insult" (Beleidigung): "Ein Mann von Prinzipien war gezwungen, eine Beleidigung zu schlucken. Er verschluckte sich und starb. Der Stiefellecker jedoch jagte mit ganzer Kraft der Beleidigung hinterher, weil er fürchtete, er würde Hungers sterben."
"Kicks" (Tritte): "Die beiden Verhörspezialisten hatten den Häftling in einer Ecke des Raumes liegen lassen, stark blutend und zitternd vor Entsetzen. Bald darauf versetzte ihm die Ecke einen Tritt, der ihn quer durch den Raum schleuderte. Auf diese Weise traten die vier Ecken nach ihm und warfen ihn hin und her, bis das Dach über ihm zusammenbrach und ihm den Rest gab."
Die Geschichte "Auf der Spitze der Pyramide" beginnt mit einem riesigen Müllsack, der, "als er die in der Sonne glänzende gesellschaftliche Pyramide sah, an deren Spitze gelangen wollte". Als der riesige Müllsack endlich nach vielen Mühen den Gipfel erreicht, platzt er schier vor Freude. Dann bohrt die Spitze versehentlich ein Loch in ihn. "Schmutziges Wasser, vermischt mit Abfall, floss an allen vier Seiten herunter, bis das gesamte Bauwerk von einer gewaltigen Menge schleimigen Mülls überzogen war, dessen abscheulicher Gestank bis in die fernsten Fernen drang."
3. "Kurz-Prosa oder Gedichte"? (Beispiele: S. Kirsch und R.M. Rilke)
Sarah Kirsch (1935 - 2013) - (Gedicht für Helga, 1973)
Der Droste würde ich gern Wasser reichen
In alte Spiegel mit ihr sehen, Vögel
Nennen, wir richten unsre Brillen
Auf Felder und Holunderbüsche, gehn
Glucksend übers Moor, der Kiebitz balzt...
Rainer Maria Rilke, Generationen (1898)
In unseren Stuben riecht es am Donnerstag nach Tomaten, am Sonntag nach Gänsebraten, und jeden Montag ist Wäsche. So sind die Tage: der rote, der fette, der seifige. Außerdem gibt es noch die Tage hinter der Glastür; oder eigentlich einen einzigen Tag aus Kühle, Seide und Sandelholz. Das Licht darin ist gesiebt, fein, silbern, still; Ruß, Sturm, Lärm und Fliegen kommen nicht mit herein wie in alle anderen Stuben. Und doch ist nur die Glastür dazwischen; aber sie ist wie zwanzig eherne Tore, oder wie eine Brücke, die nicht enden will, oder wie ein Fluß mit einer unsicheren Fähre von Ufer zu Ufer. Selten kommt jemand hinüber und erkennt nach und nach, tief in der Dämmerung: über dem Sofa, groß, in Goldrahmen, der Großvater, die Großmutter. Es sind enge, ovale Brustbilder, aber beide haben ihre Hände hineingehoben, so mühsam das gewesen sein mag. Es wären keine Porträts geworden ohne diese Hände, hinter denen sie leise und bescheiden hingelebt haben, alle Tage lang. Diese Hände hatten das Leben gehabt und die Arbeit, die Sehnsucht und die Sorge, waren mutig und jung gewesen und sind müde und alt geworden, während sie selbst nur fromme, ehrfürchtige Zuschauer dieser Geschicke waren. Ihre Mienen blieben müßig irgendwo weit vom Leben und hatten nichts zu tun, als einander langsam ähnlich zu werden. Und in den Goldrahmen über dem Sofa sehen sie wie Geschwister aus. Aber dann stehen mit einem Male ihre Hände vor den schwarzen Sonntagskleidern und verraten sie. Die eine, hart, krampfig, rücksichtslos, sagt: So ist das Leben. Die andere, blaß, bang, voll Zärtlichkeit, sagt: Sieben Kinder – oh! Und einmal ist der blonde Enkel dabei, hört die Hände und denkt: diese Hand ist wie der Vater, und meint die harte, narbige damit. Und vor der bleichen Hand fühlt er: wie die Mutter ist sie. Die Ähnlichkeit ist groß; und der Knabe weiß, daß die Eltern sich nicht gern so sehen mögen; deshalb kommen sie selten in den Salon. Sie passen in die Stuben, die voll sind von lautem Licht, und in den Wechsel der Tage, die bald rot von Tomaten, bald dumpf von Soda sind. Denn das ist das Leben. Und es bleibt alles in ihren Zügen hängen wie einst an den Händen der Großeltern. Ein paar Hände sind sie und nichts dahinter. Hinter der Glastür sind seltsame Gedanken. Die hohen, halbblinden Spiegel wiederholen immerfort, als müßten sie's auswendig lernen: der Großvater, die Großmutter. Und die Albums auf der gehäkelten Tischdecke sind voll davon: Großvater, Großmutter, Großvater, Großmutter. Natürlich stehen die steilen Stühle ehrfurchtsvoll herum: als ob sie einander eben erst vorgestellt wären und gerade die ersten Phrasen tauschten: »Sehr angenehm«, oder: »Sie gedenken, lange hier zu bleiben?«oder so etwas Höfliches. Und dann verstummen sie ganz, sagen gleichsam: »Bitte«, wenn die Spieluhr beginnt: »Tingilligin ... « Und sie singt mit ihrer welken, winzigen Stimme ein Menuett. Das Lied bleibt eine Welle über den Dingen und sickert dann in die vielen dunklen Spiegel hinein und ruht in ihnen wie Silber in Seen. In einer Ecke steht der Enkel und ist wie von van Dyck. Er möchte so heißen, daß man seinen Namen zur Spieluhr singen könnte, denn er hat plötzlich das Gefühl: Kampf und Krankheit sind es nicht, auch nicht die Sorgen und das tägliche Brot und der Wäschetag und alles andere, was mit uns draußen in den engen Stuben wohnt. Das wirkliche Leben ist wie dieses »Tingilligin« ... Es kann nehmen und schenken, kann dich Bettler rufen oder König und tief oder traurig machen je nachdem, aber es kann nicht das Gesicht bang oder zornig verzerren und es kann auch – verzeih, Großpapa – es kann auch die Hände nicht hart und häßlich machen wie deine. Das war nur so ein breites, dunkles Gefühl in dem blonden Knaben. Wie ein Hintergrund, vor dem andere kleine Kindergedanken standen wie Bleisoldaten. Aber er empfand es doch, und vielleicht lebt ers einmal. (s. Die Erzählungen von Rainer Maria Rilke)
Robert Creeley (1926 - 2005, Lehrer für engl. Lit. USA)
As I sd to my
friend, because I am
always talking,--John, I
sd, which was not his
name, the darkness sur-
rounds us, what
can we do against
it, or else, shall we &
why not, buy a goddamn big car,
drive, he sd,
forchrist's sake, lookout
where yr going.
Robert Creeley, Poems - Poem Hunter
Wie ich zu meinm freund
gesagt hab, weil ich
immer rede, - John, hab ich
gesagt, was nich sein name
war, das dunkel um-
gibt uns, was
könn wir dagegen
tun, oder aber solln wir &
wieso nich`n großes klasseauto kaufen,
fahr, hat er gesagt, um
gotteswillen, kuck
wo de hinfährst.
W. C. Williams (1883 - 1963, USA)
This Is Just To Say (1923)
I have eaten
the plums
that were in
the icebox
and which
you were probably
saving
for breakfast
Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold
Nur damit du Bescheid weißt
Ich habe die Pflaumen
gegessen
die im Eisschrank
waren
du wolltest sie sicher
fürs Frühstück
aufheben
Verzeih mir
sie waren herrlich
so süß
und so kalt
(H. M. Enzensberger)
Die Imagisten wollten in der Lyrik die Tradition der romantischen und viktorianischen Literatur hinter sich lassen, deren Gefühlsüberschwang und Künstlichkeit sie ablehnten; zugleich wandten sie sich gegen die so genannten Georgian poets (Erneuerung der englischen Dichtersprache durch Reduktion. Bevorzugung des Kleinen aus der meist ländlichen Szene, häufig epigonal romantisch, um 1912). Stattdessen setzten die Imagisten auf die Einbeziehung von Umgangssprache und auf eine präzise, schmucklose Bildersprache, auf klaren Ausdruck und handwerkliches Können.
Von der schlichten, ungebundenen Rede (lat. prosa oratio) zur durch Bild, Strophenform, Rhythmus und Reim geformten Prosa
William Carlos Williams - Prosa in Strophenform - Details statt Sprachbilder
a red wheelbarrow
so much depends
upon
a red wheel
barrow
glazed with rain
water
besides the white
chickens
Der rote Handkarren (Die rote Schubkarre)
soviel hängt ab
von
einem roten Hand-
karren
glasiert/glänzend vom Regen-
wasser
bei den weißen
Hühnern
Young Woman at a Window
She sits
tears on
her cheek
her cheek on
her hand
the child
in her lap
his nose
pressed
to the glass
Junge Frau am Fenster
Sie sitzt mit
Tränen auf
der Wange
die Wange auf
der Hand
das Kind
auf dem Schoß
seine Nase
gegen die Scheibe
gepresst